- Dissoziation bedeutet Loslösung von Körper, Emotionen oder Umgebung. Jeder erlebt sie gelegentlich, doch Traumaüberlebende sind besonders betroffen.
- Kurzfristig schützt sie vor überwältigendem Schmerz, langfristig kann sie PTBS, Selbstverletzung oder Halluzinationen begünstigen.
- Um akut zu stoppen: Erden Sie sich durch Atmung, Sinne oder einen vertrauten Gegenstand.
Wie Gluten oder Ozon: Viele kennen den Begriff Dissoziation, wenige können ihn präzise erklären. In diesem Beitrag klären wir, was Dissoziation ist, wie sie entsteht und teilen drei effektive Strategien, um sie zu managen – geschrieben von Dr. Ellen Hendriksen und aktualisiert von Dr. Jade Wu.
Was ist Dissoziation?
Dissoziation ist eine Loslösung von Körper, Emotionen oder Umgebung – das Gegenteil von voller Präsenz im Hier und Jetzt.
Jeder dissoziiert mal: Wenn Sie beim Lesen abschweifen oder die Fahrt nach Hause vergessen. Selbst der Flow-Zustand beim Schreiben oder Malen ist eine milde Form: Sie tauchen vollständig in die Tätigkeit ein und verlieren das Zeitgefühl.
Dissoziation entsteht nicht genetisch, sondern durch Erfahrungen. Sie kann hilfreich sein, etwa bei Soldaten, die trotz Verletzungen weitermachen. Bei Trauma dient sie als Überlebensmechanismus: Sie macht taub gegen Schmerz oder Panik.
Langfristig hat sie jedoch Kosten. Australische Studien an Traumapatienten zeigten: Hohe akute Dissoziation nach Verletzungen prognostiziert PTBS drei Monate später. Ähnlich bei Kindesmissbrauchsüberlebenden: Starke Dissoziation erhöht das Risiko für Halluzinationen und Selbstverletzung.
Dissoziation ist ein zweischneidiges Schwert: Schützend in der Krise, hinderlich im Alltag, wenn sie automatisch ausgelöst wird – auch ohne reale Bedrohung.
Wie fühlt sich Dissoziation an?
Häufige Formen sind Depersonalisierung und Derealisation.
Depersonalisierung: Sie fühlen sich vom Körper entfremdet – erkennen sich nicht im Spiegel, spüren den Körper nicht als eigen oder erleben emotionale Taubheit bei intensiven Ereignissen. Es reicht von mild (z. B. Starren auf die Hand) bis stark unkontrollierbar.
Derealisation: Die Umwelt wirkt unwirklich, wie durch einen Schleier oder farblos. Häufig bei Stress oder Sex, was zu Funktionsstörungen führen kann. Mild: Nach Starren ins Feuer.
Wie funktioniert Dissoziation im Gehirn?
Dissoziation verändert die Gehirnaktivität. Das Kampf-oder-Flucht-System ist basal hyperaktiv, reagiert aber bei Stress unterdurchschnittlich – mit weniger Deaktivierung danach. Das limbische System, Zentrum der Emotionen, schaltet währenddessen ab.
Wie stoppen Sie Dissoziation?
Bei anhaltender Dissoziation nach Trauma: Suchen Sie professionelle Hilfe. Ein PTBS-spezialisierter Psychologe kann wirksam therapieren.
Drei bewährte Alltagstipps:
1. Sinne ansprechen
Kauen Sie eine starke Minze, halten Sie Eis in der Hand, spüren Sie Ihre Füße am Boden. Nennen Sie fünf sichtbare Dinge. Nutzen Sie alle Sinne für Bodenhaftung.
2. Atmung beobachten
Atmen Sie langsam ein: Spüren Sie kühle Luft in Nase und Rachen. Ausatmen: Warme Luft entweicht. Sensorik verbindet Sie mit dem Moment.
3. Ankerobjekt wählen
Ein Stein, Foto oder Anhänger. Assoziieren Sie es mit 'Hier und Jetzt'. Bei Bedarf greifen – tragbar und immer verfügbar.
Dissoziation ist komplex; mehr Infos bei der International Society for the Study of Trauma and Dissociation.
Original von Dr. Ellen Hendriksen, aktualisiert von Dr. Jade Wu.
Haftungsausschluss
Dieser Inhalt ist informativ und ersetzt keine professionelle Beratung. Konsultieren Sie bei Bedarf einen qualifizierten Psychologen.